Station 4
Begegnung mit Gott und den Engeln
Durch einen Rosenbogen, der in seiner Form auch an die Boote auf dem See erinnert, betritt man ein ruhiges, schattiges Areal. Es zieht sich leicht aufsteigend in die Länge.
Vielleicht bleibt der Blick zuerst noch am Boden.
Gras
Links und rechts des Pfades wächst Gras, wie an vielen anderen Stellen des Bibelgartens: Zwischen den Steinen, am Weg und in den Beeten. Gewöhnliches Gras – und doch ist es immer etwas Besonders, auch in der Bibel. Gras gilt als ausgesprochen vital, „Deine Nachkommen sollen sein wie das Gras“, wird Hiob verheißen (Hiob 5,25), unzählbar viele sollen es werden. Oder „Die Gottlosen grünen wie das Gras“ (Psalm 92,8): sie sind überall, werden immer mehr, sind quicklebendig (wie die Quecken!), wachsen fast von allein. Außerdem liefert das Gras nicht erst am Edersee eine schöne große Liegewiese. Schon Jesus lässt bei der „Speisung der Fünftausend“ das Volk sich am See Genezareth lagern, denn „da war viel Gras“ (Johannes 6,10).
Gras als erstes Glied der Nahrungskette für unzählige Landlebewesen wird gleich bei der Schöpfung erwähnt und später noch einmal (Psalm 104,14) „Du lässt Gras wachsen für das Vieh – und Saat zu Nutz den Menschen“. Biologisch gesehen sind es drei Arten von Gräsern, von denen die Ernährung der Menschheit abhängt: Mais in Afrika, Reis in Asien, Weizen, Roggen, Hafer, Gerste und andere Getreide in Amerika und Europa. Ohne Gras also kein Brot, kein Kuchen, … – und auch kein Bier!
Aber das Gras ist auch Zeichen der Vergänglichkeit. In den orientalischen Steppen und Wüsten schießt das Gras aus dem Boden, wenn es regnet, in einem Tag. Und es ist genauso schnell wieder vertrocknet „Alles Fleisch ist wie Gras und wie des Grases Blume“ (Jesaja 40,6 u 7). Oder: „Sie sind wie das Gras, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt“ (Psalm 90,6).
So lassen sich mit dem Gras auch die vielen Wiesenblumen sehen, die hier und an andere Stelle wachsen, obwohl sie nicht namentlich in der Bibel vorkommen: Mohn, Gänseblümchen, Margeriten, Ringelblumen, Pimpernelle, Löwenzahn, Akelei, Raps, Habichtskraut, Hahnenfuß, Jakobskreuzkraut, Klee, Huflattich, Brennnessel, Schafgarbe und anderes mehr.
Maulbeerbaum
Rechts am Weg steht der schwarze Maulbeerbaum. Eigentlich wünschte man sich die größere Variante des Maulbeerbaums, um sich vorstellen zu können, wie der Zöllner Zachäus (Lukas 19,4) auf einen solchen Baum stieg. Er wollte Jesus sehen, der vorbeikommen sollte, aber er wollte selbst nicht gesehen werden. Er hatte als Zöllner den Leuten oft zu viel abgenommen und war allgemein verhasst. Da kommt Jesus, sieht ihn, holt ihn runter vom Baum, lädt sich zu ihm nach Hause ein zusammen mit seinen Freunden. Sie feiern, sie reden: Zachäus fängt ein neues Leben an. Er entschädigt die von ihm Betrogenen.
Himmelsleiter
Schon von weitem wird der Blick angezogen von der 9 Meter hohen Himmelsleiter mit ihren Engeln aus farbigem Acrylglas. Nun steht man davor und lässt seinen Blick nach oben wandern mit den immer kleiner werdenden Engeln und den zusammenführenden Linien, die andeuten, dass dieser Weg kein Ende hat.
Jakob hatte die Leiter in einem Traum gesehen (1.Mose 28, 10- 22). Dabei hätte er ganz andere Träume haben müssen. Er hatte kurz zuvor seinen Zwillingsbruder Esau um das Erbe und den Segen des Vaters betrogen. Esau war ihm nun auf den Fersen, um ihn zu töten. Jakob lief, lief in die Wüste, lief den ganzen Tag, bis es dunkel wurde und er nicht mehr konnte. Er fällt auf den Boden, draußen unter freiem Himmel, legt seinen Kopf auf einen Stein und ist so müde, dass er darauf schlafen kann. Dann träumt er: Von dieser Leiter. Vielleicht ist es zuerst ein Albtraum: Hat Esau ihn doch eingeholt und schon getötet? Und er liegt nun da in seinen letzten Sekunden und steigt auf nach oben, in den Himmel?
So ist es nicht. Er lebt. Er schläft. Er sieht Engel auf der Leiter, die steigen auf und nieder. Und ganz oben über der Leiter sieht er Gott, hört Gottes Stimme: Dass er gesegnet sein soll. Wie auch das Land, auf dem er liegt, wie die Nachkommen, die ihm hier verheißen werden. Trotz seines Fehlers, trotz seiner Schuld, sagt Gott: Ich bin mit dir! Vielleicht ist das auch ein Grund, dass er sich später nach vielen Jahren mit Esau versöhnen kann und ihn auch kräftig entschädigen wird? In jedem Fall eine wunderbare Geschichte: Der leichte Traum mit dem Kopf auf hartem Stein. Der Zugang zu Gott, auch wenn man sich selber fast alles verbaut hat
Oder ist es einfach nur ein schönes Bild? Sind es Lebensstufen, die man mit Kindern oder Enkeln meditieren kann? Ist es ein Ort, um anzustoßen am Geburtstag? Oder sich zu erinnern „an die Lieben, die schon aufgestiegen sind“, wie es eine Besucherin beschreibt?
Chapel of Light
Das Ende dieses Weges ist noch nicht das Ende. Man kann den kleinen geteilten Pfad nach rechts gehen. Ein großes dreieckiges Gebäude, leicht und schwer zugleich wirkt es mit seinen 7x7m großen rostroten Stahlplatten, die aneinander gelehnt sind. Ein dreieckiger Spalt als Eingang - es könnte das „Heilige Zelt“ sein, von dem in der Bibel erzählt wird (2. Samuel 11,11), oder ein biblischer Felsspalt? (2. Mose 33,22). Aber hier sind es drei Dreiecke, die man sieht, wenn man in der Chapel of Light steht. Vielleicht ein Verweis auf die Dreieinigkeit Gottes.
Der Architekt Christoph Hesse aus Korbach hat die Chapel entworfen und gebaut. Er lädt zu ihr ein mit einem Schritt über die offene Grenze – im Sinne seiner „open-mind“- Philosophie. Mit Dank folgen wir gern dieser Einladung. Man kann darin ausruhen, sitzen, liegen, schweigen, sich unterhalten, träumen… Die Wände scheinen zu atmen, ihr Weidenrohr, die rankenden Pflanzen sehen nicht nur lebendig aus, sie sind es. Wenn es doch immer so wäre in unserem Leben, in unseren Strukturen, in unseren Städten: Wir gehen über eine Grenze, wir betreten ein interessantes Gehäuse und die Stahlwände öffnen sich nach oben in ein himmlisches Dreieck aus Licht.