Station 2
Begegnungen im Paradies
Am Spiegelbrunnen
Die biblischen Brunnen sind Treffpunkte par excellence. Deshalb sind sie auch Orte, wo sich junge Frauen und Männer zufällig treffen, wie es von Jakob und Rahel erzählt wird (1. Mose 29, 1-14). Der Spiegelbrunnen deutet an, was geschehen kann, wenn zwei sich verlieben: Sich tief in die Augen schauen. Spüren, wie die Liebe allen Durst stillen oder ihn erst recht wecken wird.
Sich in den anderen fallen lassen („fall in love“), wie in einen Brunnen und merken, dass es gut ist, nicht nur in den anderen hineinzufallen, sondern gemeinsam zu zweit in eine Richtung zu schauen, ohne sich dabei aus den Augen zu verlieren. So wie man es hier am Spiegelbrunnen ausprobieren kann.
Später wird dieser Brunnen in der Bibel „Jakobsbrunnen“ genannt. Er wird zu einem Ort, an dem Jesus beim Wandern in der Mittagshitze ausruht, eine samaritanische, also eine ausländische Frau trifft, sie anspricht und bittet, ihm zu trinken zu geben – beides war damals gewagt. Die beiden kommen in ein Gespräch, lang und immer tiefer, über den Lebensdurst und was ihn stillen kann. Jesus sagt den wunderbaren Satz: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Johannes, 4,14)
Das Paradies
Es ist der erste Garten, von dem die Bibel erzählt: Gott selbst hat ihn gepflanzt, um den Menschen hineinzusetzen, den er kurz zuvor geschaffen hatte. Das Wort „Paradies“ (altiranisch) meint ursprünglich einen Baumgarten. In den drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam ist das Paradies gleichermaßen der ideale Lebensraum, in dem die Menschheit am Anfang und am Ende aller Zeiten zuhause sein kann. Der Garten ist geschützt und zugleich bewässert von vier Flüssen, die ihn umgeben (1. Mose 2,8-14).
Hier im Garten sind auch die entsprechenden Bäume zu finden: Feige und Mandelbaum, Granatapfel, Quitten und Walnuss.
Der Apfelbaum
Die Menschen sollen den Paradiesgarten nach Gottes Auftrag „bebauen und bewahren“. Sie können sich frei darin bewegen und von allen Früchten ernähren. Von fast allen, denn es wird ihnen eine Grenze gesetzt. Von dem „Baum des Lebens, mitten im Garten, dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“, sollen sie nicht essen – es würde sie das Leben kosten.
Doch es ist, als könnten wir Menschen nicht anders. Alles, was uns gegeben ist, haben wir bald satt. Was wir nicht kennen, was Tabu ist, übt einen besonderen Reiz auf uns aus. Tausend Bäume und Sträucher werden uninteressant, wenn es einen gibt, von dem wir nicht wissen, wie seine Früchte schmecken. Wenn er dann auch noch „eine Lust für die Augen“ ist, wie die Bibel schreibt, wenn er blüht, duftet und köstliche Früchte trägt, wie ein Apfelbaum, wird der Drang, davon zu naschen, unerträglich. Ab dem späten Mittelalter wird es in der christlichen Kunst so dargestellt, als sei es ein Apfelbaum gewesen, der diese Attraktion für uns hatte, obwohl der „Baum der Erkenntnis“ in der Bibel nicht als Apfelbaum bezeichnet wird (1.Mose 2, 15-17). Zu dieser späteren Annahme kann auch der Lateinische Name des Apfelbaums beigetragen haben: „Malus“. Das Wort ist leicht zu verwechseln mit „Malum“, das bedeutet „das Schlechte, das Böse“, - und stellt damit fast ein lateinisches „Teekesselchen“ dar.
Die Schlange
Die Schlange in der biblischen Geschichte wäre fast überflüssig. Sie macht die Sache nur noch spannender. Schlangen kommen aus dem hohen Gras und verschwinden auch wieder darin, man weiß kaum, dass man sie gesehen hat. Sie winden sich. Sie haben eine spitze Zunge, mit der sie zu einem sprechen können, auch wenn sie nichts sagen. Schlangen sind giftig und gefährlich, sie haben Macht über Leben und Tod. Und Schlangen können aus ihrer Haut, was wir Menschen manchmal gerne tun würden aber nicht können. Jedes Jahr lassen sie die alte Hülle mit ihren Schrammen und Narben hinter sich und kriechen mit einem neuen, jungen, schönen Kleid in ein nächstes Leben. Kein Wunder, dass sie uns faszinieren, diese klugen und listigen Wesen, die mit ihrer zweigeteilten Zunge immer gleich zwei Seiten einer Sache auszusprechen scheinen. Die Zweifel säen können, an dem was gesetzt ist. „Sollte Gott gesagt haben? „…wenn ihr von dem Baum in der Mitte des Gartens esst, müsst ihr sterben?“ Könnte es nicht auch anders sein? Vielleicht habt ihr euch verhört. Probiert es einfach aus. Dann und erst dann wisst ihr Bescheid. Dann wisst Ihr, was jetzt nur Gott weiß. Mehr noch, dann seid ihr wie Gott! (1. Mose 3, 1-19)
So ist die in buntes Mosaik gehüllte Betonschlange ein Symbol für Klugheit, List und Verschlagenheit. Für den Zweifel, der nötig ist und uns weiterbringt, aber auch für den Drang, hochriskante Experimente zu machen, getrieben von unserem Selbstbewusstsein, dass es doch nichts geben kann, das größer ist als wir und das uns Grenzen setzen könnte, sei es Gott oder die Natur.
„Eine Lilie ist meine Freundin…“
Eine der Bibelstellen mit der dichtesten Aufzählung von Pflanzenamen ist das Kapitel 2 im Hohenlied Salomos. Zwei Verliebte reden einander als Pflanzen an: Die Frau eine schöne Blume, der Mann ein starker Baum. Diese sinnlich betörenden, altorientalischen Liebeslieder sind voll feiner, bisweilen auch kräftiger Erotik und wurden wohl vor allem bei Hochzeiten gesungen.
Wie eine Lilie unter Dornen
so ist meine Freundin unter den Mädchen.
Meine Braut ist ein Garten voll erlesener Pflanzen.
An Granatapfelbäumen reifen köstliche Früchte.
Herrlich duften die Rosen und die Blüten der Henna.
Narde, Safran und Kalmus, alle Weihrauchgewächse,
Zimt und Aloe, Myrrhe, alle Arten von Balsam
sind im Garten zu finden.
Eine Quelle entspringt dort mit kristallklarem Wasser,
Aber noch sind mit Garten und Quelle verschlossen!
Komm, mein Geliebter, betritt deinen Garten!
Komm doch und iss seine köstlichen Früchte!
Ich komme in den Garten, zu dir, meine Braut!
Ich pflücke die Myrrhe, die würzigen Kräuter.
Ich öffne die Wabe und esse den Honig.
Ich trinke den Wein, ich trinke die Milch.
Esst, Freunde, auch ihr, und trinkt euren Wein;
berauscht euch an der Liebe!
Eine ähnlich dichte Aufzählung von Pflanzen findet sich 5. Mose 8, 6-10, ein Aufruf zur Dankbarkeit für alle, die nach der Wüstenwanderung im „gelobten Land“ leben.
Der Garten Gethsemane
Nach rechts führt der Weg aus dem Paradies in den „Garten Gethsemane“. Hier verbrachte Jesus seine letzte Nacht vor der Kreuzigung. Zuvor hat er mit seinen Freunden zusammen das Abendmahl gefeiert, daran erinnert die Stahlsilhouette (z.B. Matthäus 26,17-30). Sie kann dazu einladen, hier im Freien in einer Runde mit Jesus das Abendmahl zu feiern. Doch es darf auch nur ein Picknick sein oder ein besinnlicher Moment.
Hinter der fröhlich wirkenden Abendmahlsrunde sollte man nicht vergessen, wie bitter es für Jesus war, nach dem Mahl von fast allen Freunden verlassen und später im Garten durch einen von ihnen mit einem Kuss verraten zu werden. Er betet allein, während seine drei besten Freunde eingeschlafen sind. Er ringt mit Gott um sein Leben. Er hat Angst. Er weint. Er braucht Stunden, bis er wieder Vertrauen gewinnt und sich in die Arme Gottes fallen lassen kann: „Mein Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. (Matthäus 26, 36-36)
Der Weinstock
durchzieht die Geschichten der Bibel wie kaum eine andere Pflanze. Es beginnt im 1. Buch Mose, Kap. 9.: Noah pflanzt nach überstandener Sintflut den ersten biblischen Weinberg. Gleich danach wird erzählt, dass er sich betrank und in Folge einiges in der Familie schiefläuft. – Vor übermäßigem Weingenuss wird in der Bibel immer wieder gewarnt. Er kann allerdings auch mit der vitalisierenden Wirkung des Heiligen Geistes verwechselt werden (Apostelgeschichte 2).
Vor allem aber ist der Wein ein Zeichen des Segens. Der Wein ist dazu da, „dass er des Menschen Herz erfreue“ (Psalm 104,15). Das Erste, was die Kundschafter aus dem „gelobten Land“ in die Wüste zurückbringen, ist eine Traube, so groß, dass sie von zwei Männern an einer Stange getragen werden muss (4. Mose 13,23). Das erste Wunder, das Jesus tut, geschieht auf der Hochzeit zu Kana. Als der Wein ausgeht, verwandelt er „Wasser zu Wein“ – wie es in eine bekannte Redensart eingeflossen ist (Johannes 2). Jesus selbst lässt sich mit seinen Freundinnen und Freunden immer wieder gerne einladen, er liebt die Menschen auch in lockerer Geselligkeit. Sehr zum Ärger mancher Frommer ist Jesus kein Asket, sie beschimpfen ihn sogar einmal als „Fresser und Weinsäufer“ (Matthäus 11,19). In seinen bildhaften Geschichten kommt immer wieder der Weinbau vor.
Jesus selbst vergleicht die Beziehung zwischen sich und seinen Freundinnen und Freunden mit der wachstumsfreudigen Lebendigkeit dieser Pflanze „Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben“ (Johannes 15,5) . Gott selbst wird für ihn zu einem Weingärtner (Johannes 15,1). So überzeugt es, dass die letzte gemeinsame Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern das Passamahl aus der Tradition seines Volkes war, bei dem der gesegnete Becher mit Wein durch die Runde geht. Auch wir Christen feiern später in diesem Zeichen unsere Gemeinschaft mit Christus und untereinander als ein Sakrament.
Der Ölbaum
Aus Platzgründen mischen sich in unserem kleinen Bibelgarten auf dem „Ölberg“ die Weinpflanzen mit den Olivenbäumen. Ein schöner Zufall. Auch der Ölbaum durchwächst die ganze Heilige Schrift. Wieder ist zuerst bei Noah davon die Rede. Noah erkennt das Ende der Sintflut daran, dass die ausgesandte Taube mit einem Ölzweig im Schnabel zur Arche zurückkehrt. Picasso hat das Motiv in vielen Varianten gezeichnet. Es wurde weltweit zu einem Zeichen der Friedensbewegung, die damit auch einen neuen Umgang mit der Natur ansprechen kann.
Olivenbäume zählen zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt, sie werden im Orient seit Jahrtausenden genutzt und gepflegt. Die Bäume können sehr alt werden, bis zwei oder drei tausend Jahre. Ihre Blätter sind immer grün. Im Alter haben sie einen knorrigen Stamm. Für gute Ernten müssen sie beschnitten werden. Mit all diesen Merkmalen sind sie Lebewesen, vor dem man Respekt gewinnen und von ihnen lernen kann: „Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt Dich“ schreibt Paulus über das Verhältnis von Juden und Christen (Römer 11, 18).
Auch das Olivenöl selbst hat für die Menschen im Mittelmeerraum seit der Antike eine hohe Bedeutung: Es ist ein in hochwertiges, gesundes Nahrungsmittel. Es wurde schon in biblischen Zeiten kosmetisch gebraucht: „dass der Wein des Menschen Herz erfreue und sein Antlitz schön werde vom Öl“ (Psalm 104, 15). Königinnen und Könige wurden mit speziell gewürztem Öl gesalbt. Man behandelte damit aber auch die Wunden der Kranken. Und es war ein Zeichen höchster Gastfreundschaft, wenn man nach einem längeren Weg durch Hitze und Staub so empfangen wurde, wie es in dem bekannten Psalmwort steht: „Du salbest mein Haupt mit Öl – und schenkest mir voll ein“ (Psalm 23,5).
Mitten im Garten: Ein Herz
Schön groß, so dass man es in Satellitenaufnahmen aus großer Höhe oder vom Schloss Waldeck aus über dem See erkennen kann. Ein steinernes Herz, das uns genau davor warnt, jemals unser Herz versteinern zu lassen. Und wenn, dann bietet Gott Hilfe an: „Ich will das steinerne Herz wegnehmen (Hesekiel 11,19) … ich will euch ein neues Herz geben (Hesekiel, 36,26).
Die Mitte des Gartens weist auf die Mitte unserer Person, unseres Fühlens und Denkens. Dort soll Liebe wohnen, wie es in dem 10 mal in der Bibel genannten Gebot zur Nächstenliebe heißt „Du sollst Gott, den Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst“ (u.a. 5. Mose 6,5).
Das ist nicht selbstverständlich, denn unser Herz kann auch anders. Es kann böse sein „von Jugend auf“ (1. Mose 8, 21). Es kann sich verhärten. Es kann zerbrechen und verzagen. Gut zu lesen, „Gott heilt die zerbrochenen Herzen…, Gott erforscht die Herzen…, Mensch sehen was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an“. Schließlich kann es sogar sein, dass Gott sich gegen unser Herz auf unsere Seite stellt: „Wenn dich dein Herz anklagt, so ist Gott größer als unser Herz“. – Gott will, dass Menschen ein getrostes, weises und fröhliches Herz haben. All diese Worte könnte man statt der vielen Pflastersteine um das Herz legen, so wie die blühenden Pflanzen, die um das Herz gesetzt diese Botschaften ausstrahlen sollen: Teppichphlox, Hainanemonen, Teppichschleierkraut.
Das Herz ist außerdem ein Ort, wo Paare sich segnen lassen oder eine kirchliche Trauung feiern können. Nicht nur die schönen Selfies gehen dabei mitten ins Herz!