Station 5
Der Edersee
Ohne ihn zu vereinnahmen, sehen wir im Edersee eine fünfte Station des Bibelgartens. Eigentlich könnte der See auch an erster Stelle stehen. Denn „Am Anfang“, erzählt die Bibel vom Zustand der Welt vor der Schöpfung: war „die Erde wüst und leer“ (wörtlich im Hebräischen: „Tohu wa Bohu“) und „der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“. Das entspricht der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, dass alles Leben auf der Erde aus dem Wasser kommt.
Obwohl die Menschen im alten Israel ein eher gespaltenes Verhältnis zu größeren Gewässern und gar zum Meer hatten – es war ihnen als Nomaden in der Wüste einfach fremd - verbinden sich doch viele große Erzählungen mit dem Wasser: Die Geschichte von Sintflut (1. Mose 6 -9); vom Weg des Sklavenvolkes in die Freiheit, der durch das Schilfmeer führt (2. Mose, 13,18ff); die Geschichte von Jona und dem Walfisch (Buch Jona).
Besonders im neuen Testament spielen viele der Jesusgeschichten am See Genezareth, so zum Beispiel die Berufung der Fischer (Markus 1,16ff); die Sturmstillung (Markus 4,35ff); Jesus geht über das Wasser (Johannes 6, 16-21). Schließlich gibt es am Ende der Bibel Vorstellungen von einer neuen, zukünftigen himmlischen Welt als ein „gläsernes Meer“ (Offenbarung 15,2).
Neben den biblischen Bezügen fasziniert der See als ein besonderer Ort, wo Menschen sich entspannen und erholen, baden, Sport treiben, als Familie oder mit Freundinnen und Freunden neu zusammenfinden. Immer mehr wird der See auch zu einem „dritten Lernort“, etwa bei den Erkundungen im Nationalpark, auf seinen originell angelegten Pfaden oder im Bildungszentrum bei Herzhausen.
Nicht zufällig hat das Wort „Seele“ im Ursprung etwas mit „See“ zu tun: Es steht für die Tiefe der menschlichen Person, für das Geheimnisvolle und Unergründliche. Für etwas, das gern in sich ruht, dann aber doch durch Stürme dramatisch aufgewühlt werden kann, hohe Wellen schlagen und sie auch wieder glätten kann. Man schaut auf die spiegelnde Oberfläche und sieht sich selbst – und die Welt – anders. Ein leiser Hauch kann beide in Bewegung bringen, See und Seele. Beide können Zufluss und Abfluss gebrauchen, beide müssen in sich ein Gleichgewicht bewahren, um gesund und lebendig zu bleiben.
So kann man in einem ruhigen Augenblick auf einem der Steine im Bibelgarten sitzen, den See betrachten und sich diese Dinge durch Herz und Kopf in die Seele gehen lassen.
Grenzenlos
Immer wieder wandert die Aufmerksamkeit auch in die Natur, die den Bibelgarten umgibt. Die Eichen stehen gleich beim Nachbarn oder in den Wäldern gegenüber, auch sie kommt häufig in der Bibel vor (1.Könige 13,14). Ebenso Pappeln am Seeufer (1. Mose 30,37); Weiden (Psalm 137,2); Schilf und Rohr (2. Mose2,3, Jessaja 35,7); “Schilfmeer” (2. Mose 14) .
Auch wenn der Bibelgarten den Blick auf das lenken will, was in ihm angelegt ist, soll sich der Horizont doch zugleich weiten und dazu einladen Gott in der Natur zu entdecken und ihren Impulsen nachzugehen.